Moses Richter

Moses Richter (* 25. Dezember 1899 in Kischineff/Bessarabien, heute Moldawien; † 14. Februar 1967 in London) war ein baptistischer Judenmissionar in Rumänien und England.

moses-richter-2.jpgEr wuchs in einer russisch-jüdischen Familie auf und zeigte sich sprachlich und musikalisch begabt. Richter sprach fließend seine Lieblingssprache jiddisch (Moische Rechter), dazu hebräisch, russisch, rumänisch, deutsch und englisch. Er hatte eine schöne Tenorstimme und dichtete und komponierte viele Glaubenslieder meist in Jiddisch, die auch ins Hebräische, Russische und Englische übersetzt wurden. Am 24.4.1924 wurde er vom judenchristlichen Pastor Lew Averbuch in Kischineff getauft, dessen judenchristliche Gemeinde in der Tradition von Joseph Rabinowitsch (1837-1899) lebte und mit den Baptisten in Kischineff und Bukarest in Verbindung stand. Averbuch stammte aus Odessa und wurde von der englischen „Mildmay Mission“ unterstützt. In dieser judenchristlichen Gemeinde von Lew Averbuch erhielt Moses Richter seine geistlich-theologische Prägung und seine judenchristliche Identität. Von 1929 bis 1931 erhielt Richter eine Ausbildung an der Bibelschule St. Andrä in Villach/Kärnten. Als Autodidakt studierte er hebräisch und die jüdische Tradition. Die Vereinigung der deutschen Baptistengemeinden Rumäniens stellte ihn als Judenmissionar an von 1931 bis 1935, hauptsächlich für Czernowitz, der Hauptstadt der Bukowina, wo er auch wohnte. In der deutschsprachigen Universitätsstadt lebten etwa 40% Juden. Er begann seinen Dienst im November 1931 mit Gottesdiensten und Vorträgen in deutscher und jiddischer Sprache, abwechselnd in der deutschen und der rumänischen Baptistengemeinde und lud über Zeitungsannoncen ein. Regelmäßig berichtete Moses Richter über seinen judenmissionarischen Dienst in der Zeitschrift der deutschen Baptisten in Südosteuropa: „Im breiten Schaufenster des Lokals der rumänischen Baptisten im Stadtzentrum in der Nähe des jüdischen Tempels wird eine aufgeschlagene hebräische Bibel dekoriert. Daneben steht auf einem großen Plakat: ´Es wird über Jeschua Hamaschiach, der unsere Sünden vergibt und der bald dem Leiden Israels ein Ende machen wird, gepredigt`“ (Täuferbote 8/1932, 7f). Bei seiner Vorstellung zum Dienstbeginn 1931 schrieb er: „… ist es am hauptsächlichsten notwendig, dass alle Brüder und Schwestern dieser Sache mit Gebet und Seele helfen. Sage mir, lieber Bruder und Schwester, wie Du einen Juden liebst, werde ich Dir sagen, was für ein Christ Du bist“ (Täuferbote 12/1931, 15). Seine judenmissionarische Arbeit erfuhr Zustimmung aber auch Ablehnung. In einer Disputation mit Rabbiner Rosenbach erklärte dieser: „für den Aufbau des Tempels in Jerusalem muss ich auch christusgläubige Juden haben“ (ebenda). Aber Oberrabbiner Dr. Mark warnte vor den Versammlungen in der Baptistengemeinde. Moses Richter unternahm Missionsreisen und sprach vor deutschen und jüdischen Zuhörern. Sein Ziel, eine messianische Gemeinde zu gründen, erreichte er nicht. Doch er gewann einen Freundeskreis und Isaak Feinstein für den messianischen Glauben, den späteren judenchristlichen Pastor und Märtyrer (er starb beim Pogrom in Jassy am 28.6.1941).

Ab 1. März 1936 wurde Richter Mitglied in der deutschen Baptistengemeinde Bukarest. Er arbeitete jetzt unter Juden in Bukarest, angestellt von der anglikanischen Judenmission („Church Mission to the Jews“). Die Baptistengemeinden konnten ihn nicht mehr bezahlen. Der Leiter der englischen Judenmission Revd. Harry L. Ellison, ließ sich im Dezember 1936 in der Bukarester Baptistengemeinde taufen und musste daraufhin seine anglikanische Kirche verlassen. Im Januar 1938 wurde Richter nach Warschau eingeladen. Sowohl die anglikanische Judenmission als auch die Mildmay Mission hatten dort eine Gemeindestation. Die der Mildmay Mission war der Baptistengemeinde Warschau angegliedert.

moses-richter.jpgIm Herbst 1938 gelang ihm mit Hilfe der „Internationalen Judenchristlichen Allianz“ (International Hebrew Christian Alliance) die Emigration nach England. In London wurde er bald Mitarbeiter der Missionsgesellschaft „Hebrew Christian Testimony to Israel“ (heute „The Messianic Testimony“). Aufgrund seiner Sprachbegabung arbeitete er auch an der Übersetzung des Neuen Testaments ins Jiddische mit. Sie erschien zuerst 1941, herausgegeben vom Judenchristen Henry Einspruch. Bis zu seinem Tod 1967 lebte er als Mitglied der Abbey Road Baptist Church in London.

Am 1.2.1947 heiratete er Grete Eisenberg, eine jüdische Pianistin aus Wien, die seit 1939 in London lebte und ebenfalls zum Glauben an den Messias Jesus fand. Beide erhielten 1948 die britische Staatsbürgerschaft mit dem nationalisierten Namen Rehter und arbeiteten zusammen für das messianische Zeugnis unter Juden.

Ein Freund bezeichnete Moses Richter als originellen Denker. Seine Gemeindeauffassung war freikirchlich-baptistisch. Beseelt hat ihn ein starker Glaube an Jesus als den Messias der Juden. Seine Lebensgeschichte gibt einen Einblick in das Zeugnis von Judenchristen vor dem Holocaust. (RF)

Biographie: Roland Fleischer, Begegnungen von Baptisten und Juden in Südosteuropa. Das Leben des Judenmissionars Moses Richter (1899-1967). Von Kischineff nach London, in: Freikirchenforschung 8/1998, 205-229, bes. 216ff.

Kurzbiographie von Roland Fleischer in: BBKL, Bd. 19 (2001), Sp.1139-1141; englische Fassung in Baptist Quarterly, Vol. 40, 2003, p. 47-49: https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1179/bqu.2003.40.1.005

Kurzbiographie Moses Richter: R. Fleischer, Judenchristliche Mitglieder in Baptistengemeinden im „Dritten Reich“, ThGespr Beiheft 12 (2012), S. 59f: http://www.theologisches-gespraech.de/archiv?start=63

Gemeinderegister der deutschen Baptistengemeinde Bukarest (Oncken-Archiv Elstal).

Protokollbücher der deutschen Baptistengemeinde Bukarest, Bd. 2 (Oncken-Archiv Elstal).

Missionsberichte, Briefe (Archive der Mildmay Mission, London; der anglikanische Judenmission/Church Mission to the Jews, London; Messianic Testamony, Barking, Essex und Archiv des ev.-luth. Zentralvereins Leipzig).

Briefe, Zeitzeugenbefragung von Erich Gabe, dem Freund (London-Barnet) und Grete Rehter, seiner Witwe (Oxford) und Zeitungsannoncen (aus Czernowitz von 1933 und 1934) vom Dezember 1997 bis November 1998 (Privatarchiv Roland Fleischer).

Missionsberichte in Täuferbote (Dezember 1931 bis Januar 1935), auch in Sendbote 1932 (Nr. 19, 7; Nr. 31, 10 u. ö. ?).

Die Judenmission in Czernowitz, Rumänien, in: Täuferbote Dezember/1931, S. 14f.

Czernowitz, Rumänien, Judenmission, in: Täuferbote Januar/1932, S. 7.

Czernowitz, Rumänien, Judenmission, in: Täuferbote März/1932, S. 7.

Die Judenmission in Czernowitz, Rumänien, in: Wahrheitszeuge 1932, Nr. 9 (28.2.), S. 71 (gekürzt aus Tb Dezember 1931).

Juden-Mission in Czernowitz, in: Täuferbote April/1932, S. 11.

Judenmission, Rumänien, in: Täuferbote August/1932, S. 7f.

Rumänien, Judenmission, in: Täuferbote November/1932, S. 7f.

Judenmission, Czernowitz, Rumänien, in: Täuferbote Dezember/1932, S. 9.

Rumänien, Judenmission, in: Täuferbote Mai/1933, S.7.

Czernowitz, Rumänien, in: Täuferbote April/1934, S. 7.

Czernowitz, Rumänien, Judenmission, in: Täuferbote Januar/1935, S. 6.

Bruder Moses Richter schreibt aus England, in: Täuferbote November 1938, S. 8.

Hans Folk, Vereinigungs-Konferenz in Rumänien, in: Täuferbote Dezember/1931, S. 10f; Johann Schlier, Czernowitz, Rumänien, in: Täuferbote Januar/1932, S. 5; Johann Schlier, Czernowitz, Rumänien, in: Wahrheitszeuge 1932, Nr. 7, S. 56; Georg Teutsch, Judenmission, Rumänien, in: Täuferbote Juni-Juli/1932, S. 9; Johann Schlier, Czernowitz, Rumänien, in: Täuferbote August/1932, S. 5f; August Eisemann, Tarutino, Bessarabien, in: Täuferbote August/1932, S. 6; J. Schlier, Die 17. Vereinigungskonferenz der deutschen Baptisten in Rumänien, in: Täuferbote November/1932, S. 5; J. Fleischer, Judenmission, Rumänien, in: Täuferbote Dezember/1932, S. 8; G. Teutsch, Vereingungskonferenz deutscher Baptistengemeinden in Cataloi, Rumänien, in: Täuferbote November/Dezember/1933, S. (5f) 6; J. Fleischer (=Fl.), Judenmission, Czernowitz, Rumänien, in: Täuferbote Dezember/1935, S. 5f; The Returning Nation, April 1967, p. 172f (Nachruf); Erich Gabe, The Hebrew Christian, London, 2 (1990) p. 52-54; 3 (1990) p. 77; 1 (1991), p. 17; Roland Fleischer, Seine Spur verliert sich. Der baptistische Judenmissionar Moses Richter, in: Die Gemeinde 1997, Nr. 31/32, S. 6f; ders., Begegnungen von Baptisten und Juden in Südosteuropa. Das Leben des Judenmissionars Moses Richter (1899-1967). Von Kischineff nach London, in: Freikirchenforschung 8/1998, 205-229, bes. 216ff; BBKL, Art. Richter, Moses, Bd. 19 (2001), Sp.1139-1141 (von Roland Fleischer, englische Fassung von Christopher Bentley in: Baptist Quarterly, January 2003, p. 47-49: https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1179/bqu.2003.40.1.005); Arnulf H. Baumann, Joseph Rabinowitschs messianisches Judentum, in: Folker Siegert (Hg), Grenzgänge. Menschen und Schicksale zwischen jüdischer, christlicher und deutscher Identität, Münster 2002, S. (195-211) 209f; Biogramm Moses Richter, in: Hans-Joachim Leisten, Wie alle andern auch. Baptistengemeinden im Dritten Reich im Spiegel ihrer Festschriften. Anhang: Roland Fleischer, Judenchristliche Mitglieder in Baptistengemeinden im „Dritten Reich“, WDL-Verlag Hamburg 2010, S. 182f; Frank Fornaçon, Zwischen Solidarität und Ignoranz. Wie Baptisten seit 400 Jahren Juden begegneten, in: Freikirchenforschung 28/2019, S. (124-151) 134.

Bildnachweis: Archiv Roland Fleischer (Moses Richter in den 1930er Jahren)