Alfred Herbst

Alfred Herbst (* 15. Dezember 1906 in Schriesheim; † 20. Juli 1943 in Brandenburg) war Elektromonteur und ist der einzig bekannte Kriegsdienstverweigerer aus einer Baptistengemeinde, der in der NS-Zeit zum Märtyrer wurde.

alfred-herbst.jpgalfred_elise_herbst.jpgDie Eltern waren Mitglieder der kleinen Baptistengemeinde Schriesheim bei Heidelberg. Er wuchs als zweiter von drei Söhnen auf, bekehrte sich 1918 und ließ sich 1922 in der Baptistengemeinde taufen. Nach der Lehre als Elektromonteur war er bei einer Stuttgarter Firma tätig. In der Baptistengemeinde Stuttgart arbeitete er bis 1934 in der Sonntagsschule mit. Danach trennte er sich von der Gemeinde. Als er am 26.3.1943 zur Wehrmacht nach Böblingen einberufen wurde, verweigerte er den Kriegsdienst. Daraufhin kam er am 18. April 1943 in Untersuchungshaft beim Kreisgericht Ludwigsburg. Am 25.6.1943 verurteilte ihn der erste Senat des Reichskriegsgerichts in Berlin wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode. Das Urteil wurde am 20.7.1943 in der Haftanstalt Brandenburg vollstreckt. Seine Briefe an Frau und Tochter aus der Untersuchungshaft zeigen, wie er seinen Weg mit Christus bewältigte. Seine Entscheidung zu verweigern, verstand er als Glaubensprüfung. „Und in dieser Prüfung musste ich Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Alfred Herbst). „Sein radikales christliches Nachfolgeverständnis“ ließ ihm im „Zwiespalt zwischen der Verantwortung für die Familie und dem Gehorsam gegenüber Christus“ keine andere Wahl (Hans-Volker Sadlack). Einziger bekannter Kriegsdienstverweigerer der NS-Zeit, der aus einer Baptistengemeinde stammte. („Das Reichskriegsgericht verurteilte zwischen 1939 und 1945 mehr als 250 religiös motivierte Kriegsdienstverweigerer zum Tode“, so Norbert Haase, Wehrkraftzersetzung und Fahnenflucht, in: Lexikon des deutschen Widerstands, hg. v. W.Benz und W.H.Pehle, Frankfurt 1994/aktualisiert 1999, S. 313)

Er war verheiratet mit Elise und hatte mit ihr eine Tochter (Sonja). Sie lebten in Weinstadt-Endersbach. Eine 1946 nach ihm benannte Straße in Schriesheim erinnert an sein Schicksal. Auf dem Endersbacher Friedhof (Weinstadt) erinnert eine Gedenktafel an ihn. Tochter Sonja (geb. 1.1.1936), lebt mit ihrem Mann Werner Wagner bis heute (Juni 2020) in Weinstadt. Befragt, warum Alfred Herbst damals aus der Gemeinde austrat, antworten sie, dass ihm die Baptisten zu Hitlerfreundlich waren und den Kriegsdienst nicht ablehnten. (RF nach Hans-Volker Sadlack, Gottlob Schmid, Bundeszentrale für politische Bildung und Pastor i.R. Manfred Köhler, Schriesheim)

Biographisches zu Alfred Herbst: Jost Müller-Bohn, Letzte Briefe eines Wehrdienstverweigerers 1943, 1984, S. 16 („gehört einer freikirchlichen Gemeinde an“) und Gottlob Schmid, Die Geschichte der Baptistengemeinde Schriesheim und ihrer Nachbargemeinden, 1989, S. 142-144.

Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. Eine Dokumentation, Bd. 1, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2. überarbeitete und erweiterte Aufl. 1995, S. 79.103: https://www.bpb.de/shop/buecher/einzelpublikationen/33973/gedenkstaetten-fuer-die-opfer-des-nationalsozialismus-band-i//.

Biographie in: Hans-Volker Sadlack, Herbst, Alfred, in: H. Schultze/A. Kurschat (Hg), „Ihr Ende schaut an…“. Evangelische Märtyrer des 20. Jahrhunderts, Leipzig (2006) ²2008, S. 315f (Lit.).

Biographisches auch in: Hans-Joachim Leisten, Wie alle andern auch. Baptistengemeinden im Dritten Reich im Spiegel ihrer Festschriften, Hamburg 2010, S. 125f.

J. Müller-Bohn (Hg), Letzte Briefe eines Wehrdienstverweigerers 1943, Lahr-Dinglingen 1984; ²1985 (72 S.). Die Originale sind bis heute im Privatbesitz der Tochter.

Art. in der Rhein-Neckar-Zeitung, 29.1.2018: https://www.rnz.de/nachrichten/bergstrasse_artikel,-gedenkfeier-fuer-opfer-der-nationalsozialisten-es-herrschte-stille-in-schriesheim-_arid,334065.html

Art. von Stefanie Oemisch im Mannheimer Morgen, 29.1.2018: https://www.morgenweb.de/mannheimer-morgen_artikel,-schriesheim-die-menschen-hinter-den-namen-_arid,1189250.html

E-Mails von Manfred Köhler vom 20. und 25.6.2020.

Brief Manfred Köhler, Schriesheim, 27.6.2020.

E-Mail von Manfred Köhler vom 17.7.2020.

Albrecht Hartmann/Heidi Hartmann, Kriegsdienstverweigerung im Dritten Reich, Frankfurt 1986, S. 8-11; 150 Jahre Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Stuttgart 1838-1988 (Festschrift), S. 30; Gottlob Schmid, Die Geschichte der Baptistengemeinde Schriesheim und ihrer Nachbargemeinden, 1989, S. 142-144; A. Strübind, Unfreie Freikirche, (1991) ²1995, S. 287.342; Hartmut Wahl, Das Gemeindebild der mittelalterlichen Täufer als Anfrage an unsere baptistische Gemeindepraxis, in: ThGespr 1/1992 (Festgabe für Adolf Pohl), S. (51-58) 56; Festschrift Schriesheim, 100 Jahre, 1995, S. 30; Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. Eine Dokumentation, Bd. 1, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2. überarbeitete und erweiterte Aufl. 1995, S. 79.103; Astrid Giebel, Glaube, der in der Liebe tätig wird (Baptismus-Studien 1), Kassel 2000, S. 207 A. 36; Jost Müller-Bohn, Siehe, ich sehe den Himmel offen. Briefe und Berichte christlicher Märtyrer. 1933-1945, Holzgerlingen 2000, S. 138-143 (176 S.); Hans-Volker Sadlack, Biogramm Herbst, Alfred, in: H. Schultze/A. Kurschat (Hg), „Ihr Ende schaut an…“. Evangelische Märtyrer des 20. Jahrhunderts, Leipzig (2006) ²2008, S. 315f (Lit.); Hans-Joachim Leisten, Wie alle andern auch. Baptistengemeinden im Dritten Reich im Spiegel ihrer Festschriften, Hamburg 2010, S. 125f; Manfred Stedtler, Baptisten in der Weimarer Republik. Ihre Gedanken zu Politik und Gesellschaft, Bonn 2015, 2. Druck 2016, S. 61.

Bildnachweis: Archiv EFG Schriesheim 1989 (Gottlob Schmid) / Sonja Wagner, geb. Herbst, Weinstadt