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Leon Rosenberg

Leon Rosenberg (russisch: Леон Розенберг) (* 1876 in Lemberg [18.2.1875 in Opole in Polen, so Schneider nach Kuschnir], bis 1918 zu Österreich dann Polen [Lwow], heute Ukraine [Lwiw]; † Mai 1967 in USA [so Kluttig, Valentin Shekhovtsov und Johann Schneider], 1943 in Auschwitz [so Harald Jenner]) war Judenmissionar in Krakau, Odessa und Lodz, der u.a. im Auftrag der Mildmay-Judenmission/London arbeitete. Er gilt als Gründer der judenchristlichen Gemeinde in Odessa.

rosenberg-leon.jpgEr stammte mit seiner Frau Fanni aus Lemberg in Galizien mit etwa einem Drittel jüdischer Bewohner, die meist jiddisch sprachen. Sie bekamen ein Neues Testament und waren davon fasziniert. Als dies in die Öffentlichkeiit drang, wurden beide als eine Gefahr für die jüdische Gemeinde angesehen, ihr Geschäft zerstört und sie aus der Stadt verbannt (Frank, 16). 1895 fand er zum messianischen Glauben, floh nach Hamburg und erhielt eine Ausbildung im Missionshaus der Jerusalem-Kirche in Hamburg, das von Dr. Arnold Frank geleitet wurde. Hier kam er endgültig mit seiner Frau zum Glauben an den Messias Jesus und beide wurden von Pastor Frank getauft. Dann berief ihn die lutherische Judenmission in Leipzig zum Assistenten für Pastor Schneider in Krakau. Möglicherweise war er auch Hilfsmissionar in Warschau. Nach drei Jahren beauftragte ihn John Wilkinson, Direktor der „Mildmay Judenmission“ in London, ab 1903 die Arbeit der Missionsstation Odessa/Südrussland an der Seite des zu Jesus bekehrten Rabbiners Rudolf Gurland (1831-1905) wahrzunehmen, wie u.a. Rosenbergs Schrift von 1910 belegt („Die Juden und die Mission unter Israel“, S. 19). Die deutsche Baptistengemeinde in Odessa stellte ihm zeitweise ihren Betsaal zur Verfügung. Durch seine Arbeit entstand eine kleine judenchristliche Gemeinde („Gemeinschaft der Gläubigen aus Israel“). Rosenberg lebte mit seiner Familie im jüdischen Stadtteil von Odessa, wo sie Zeugen und Überlebende der Pogrome 1905/06 waren. 1914 nach Beginn des Ersten Weltkriegs wurde er nach Sibirien verbannt und von dort durch das Wirken von Senator Graf Konstantin von der Pahlen wieder befreit. 1921 von den Bolschewisten verhaftet und zum Tod verurteilt, konnte er, befreit durch das Rote Kreuz, nach Deutschland kommen. In Frankfurt/Main gründete er 1922 mit anderen die Mission „Freunde Israels“. 1924-26 lehrte er auf der Bibelschule von „Licht im Osten“ in Wernigerode. Er lebte mit seiner Familie in Halberstadt. 1927 zog er nach Lodz in Polen und gründete die Bethel-Mission. Er war Referent auf der 2. Konferenz der Internationalen Judenchristlichen Allianz in Hamburg (16.-21. Juli 1928). (Auch seine Schwägerin Helene Weinmann wurde von der Mildmay Mission nach Odessa gesandt, um unter Jüdinnen zu arbeiten. Sie musste Russland verlassen und wirkte danach 15 Jahre in Jugoslawien [Novi Sad] im Auftrag der „Barbican Judenmission“ [London] bis die Behörden sie zur Ausreise nötigten).

Wie Frank berichtet, waren Rosenberg die deutschen Juden „in ihrer Ausbildung und Mentalität sehr fremd“, er konnte besser unter osteuropäischen Juden arbeiten, „deren Leben durch die alte rabbinische Tradition geprägt war“. Im Auftrag einer Schweizer Judenmission wurde er Leiter einer Missionsstation in Lodz, die der deutschen Baptistengemeinde Lodz I als Station angeschlossen war. Wie Kluttig (1973) berichtet, konnte er vor dem Holocaust in die USA fliehen. Sein jüngerer Bruder blieb als junger Prediger bei den etwa 20 judenchristlichen Mitgliedern in Lodz, die ins Ghetto kamen und 1943 ins Gebiet von Majdanek deportiert und alle umgebracht wurden. Die Recherchen vom Hamburger Historiker Dr. Harald Jenner ergeben ein anderes Bild: In der von ihm herausgegebenen Festschrift der Jerusalem-Gemeinde Hamburg (2003) schreibt er, dass Leon Rosenberg mit dem größten Teil seiner Familie in Auschwitz starb.

Nach Valentin Shekhovtsov, einem messianischen Juden aus Odessa (lebt inzwischen aufgrund des Ukraine-Krieges mit seiner Familie in Deutschland), kam Leon Rosenberg durch den Missionar Zimmerman zum messianischen Glauben, seine Frau Fania distanzierte sich noch lange Zeit von den Christen. Er wurde 1921 deportiert. Vor dem Krieg ging er nach Amerika, um Gelder für ein jüdisches Waisenhaus zu sammeln, das er mit seiner Frau im Dorf Jelenovka gegründet hatte. Rosenberg hatte keinen Bruder, aber seine Schwester und sein Schwager (Maltzman) wurden nach Majdanek deportiert. Dies bestätigt auch Johann Schneider, Nümbrecht. Er gibt nach Vera Kuschnir als Todesdatum Mai 1967 in USA an. Zuerst sei er 1938-39 in die USA gefahren. Auf Beschluss der Gemeinde vom 8.11.1939 noch einmal, um die Unterstützung für das Kinderheim und die Bethel-Mission zu bekommen.

Mit seiner Frau hatte er vier Töchter. Eine wurde medizinische Missionarin in Indien. Die Enkelin Vera Kuschnir veröffentlichte 1996 eine Biographie über ihren Großvater in englischer Sprache. (RF)

Zum Leben Rosenbergs siehe: Arnold Frank, Was geschieht unter den Juden? Aus der Bildergalerie meiner Erinnerung (geschrieben 1944 in Belfast), hg. v. Harald Fölsch, Stuttgart nach 1965, S. 16-19.20.21.

Zum Leben Rosenbergs vgl. auch: Harald Jenner, 150 Jahre Jerusalem-Arbeit in Hamburg. Jerusalem-Gemeinde, Diakoniewerk Jerusalem, Hamburg 2003, S. 104.139 (mit Foto Familie Rosenberg).174.

Vera Kuschnir, Only one life. Biography of Leon Rosenberg, Tulsa/Oklahoma/USA 1996 (357 S.); ins Russische übersetzt, Idar-Oberstein 2006.

Biographisches: Waldemar Zorn, Farben der Geschichte. Erzählungen aus der Geschichte des Missionsbundes Licht im Osten. Zum 90-jährigen Jubiläum, Korntal-Münchingen 2010, S. 22-25.28.41: https://www.lio.org/shop/images/products/media/99-443_01_Zorn,%20Waldemar%20-%20Farben%20der%20Geschichte_download.pdf

Valentin Shekhovtsov (Валентин Шеховцов), war bis Februar 2022 leitender Pastor einer (von insgesamt fünf) messianisch-jüdischen Gemeinden in Odessa und mehrere Jahre Dekan des Messianisch-Jüdischen Bibelinstituts. Er ist Autor und Kameramann eines Videos von 2013 (22 Minuten), in dem in russischer Sprache über das Leben und Wirken Rosenbergs in Odessa von 1903-1930 erzählt wird: https://youtu.be/gxkDFLbZfP0

Gemeinsames Archiv des Diakoniewerks Jerusalem und der Jerusalem-Gemeinde Hamburg.

Archiv des Missionsbundes „Licht im Osten“ in Korntal bei Stuttgart.

E-Mail von Valentin Shekhovtsov vom 10.9.2021.

E-Mail von Valentin Shekhovtsov vom 8.5.2022.

E-Mail von Johann Schneider, Nümbrecht, vom 18.9.2022.

Biographische Notizen von Johann Schneider, Nümbrecht, vom 30.9.2022 (1 S.).

Die Juden und die Mission unter Israel. Eine Antwort auf die Frage: Was treibt uns zur Judenmission?, Verlag der Mildmay-Judenmission, London/Odessa/Leipzig, Odessa Dezember 1910, 2. erweiterte Auflage, 36 S.

Verschiedene Artikel in „Zions Freund“ (Zeitschrift der Jerusalem-Gemeinde Hamburg von 1899-1936), hg. v. Arnold Frank, z.B. 25/1923, S. 38.

Arnold Frank, Was geschieht unter den Juden? Aus der Bildergalerie meiner Erinnerung (geschrieben 1944 in Belfast), hg. v. Harald Fölsch, Stuttgart nach 1965 („etwas gekürzte deutsche Ausgabe“, 108 S.), S. 16-19.20.21 (englische Fassung: What about the Jews?, Belfast 1947); Robert Kluttig, Geschichte der deutschen Baptisten in Polen 1858-1945, Winnipeg/Kanada 1973, S. 238 (Missionserinnerungen von W.A.Gutsche).289f; Ronald Hentschel, Naphtali Rudnitzky (1869-1940). Leben und Wirken eines Judenmissionars (Abschlussarbeit am Theologischen Seminar Hamburg), Hamburg 1994, S. 22.25.28; Rudolf Hermann Gurland, Ein Rabbiner findet Jesus, hg. v. Helene Gurland, Neuhausen/Stuttgart 1996, S. 193; Vera Kuschnir, Only one life. Biography of Leon Rosenberg, Tulsa/Oklahoma/USA 1996, 357 S.; Frank Fornaçon, Eingeschränkte Perspektiven - Die Juden im Blickfeld der Baptisten, in: Die Gemeinde 17/1998, S. (4-6) 6; Harald Jenner, 150 Jahre Jerusalem-Arbeit in Hamburg. Jerusalem-Gemeinde, Diakoniewerk Jerusalem, Hamburg 2003, S. 104.139 (mit Foto der Familie).174; Waldemar Zorn, Farben der Geschichte. Erzählungen aus der Geschichte des Missionsbundes Licht im Osten. Zum 90-jährigen Jubiläum, Korntal-Münchingen 2010, S. 22-25.28.41; Vera Kuschnir, Nur ein Leben. Biographie von Leon Rosenberg (russisch), Idar-Oberstein 2006; Hanna Rucks, Messianische Juden. Geschichte und Theologie der Bewegung in Israel, Neukirchen-Vluyn 2014, S. 314; Hartmut Wahl (Hg), Aufzeichnungen und Erinnerungen von Johannes Warns (1874-1937). Bd. 2: 1919-1937 in Wiedenest, Hammerbrücke 2021, S. 102.104.

Bildnachweis: Vera Kuschnir 2006

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